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2012-07-27 14:39 (Kommentare: 0)

Aushang am Bahnhof Westkreuz

Sehr geehrte Damen und Herren,

bevor ich mich in meinen wohlverdienten Urlaub aufmache, möchte ich mich für mögliche Wiederholungen aus dem Archiv in den nächsten drei Wochen entschuldigen. Vielleicht bemerken Sie ja in dieser Zeit, wie wichtig meine Arbeit hier bei der S-Bahn ist.

Für meinen Job gibt es keine offizielle Bezeichnung, man nennt mich den Begründer. Meine Aufgabe ist es, durch wohldurchdachte Begründungen für Zugausfälle oder Verspätungen die Missgunst unserer Fahrgäste gegenüber der S-Bahn aber auch untereinander in akzeptablen Schranken zu halten.

Viele Menschen glauben wohl, das wäre eine einfache Arbeit, aber ich kann Ihnen sagen, dass jeder Begründung, die nach draußen geht, eine ausführliche Lageanalyse der aktuellen Situation in der Stadt vorausgeht.

Mein Bürotag beginnt mit der Lektüre diverser Lokalteile von Zeitungen und Onlinequellen auf der Suche nach Geschehnissen, die ich für eine gute Ausrede nutzen kann. (Ausrede ist natürlich ein interner Begriff, offiziell nutzen wir das Wort „Begründung“) Brände, geplatzte Wasserleitungen, Straßensperren, Veranstaltungen, aber auch Werbekampagnen von Discountern liefern gute Grundlagen für nachvollziehbare Begründungen. Wichtig ist auch das Wetter: Niederschläge, Temperatur, Wind, all das wird bei der morgendlichen Lageanalyse festgehalten. Eingang in diese Analyse finden auch gesamtgesellschaftliche Stimmungen. Natürlich verzeiht der wartende Fahrgast den Zugausfall viel eher, wenn es am griechischstämmigen Lokführer liegt, diesem Faulpelz.

 

Nach der Analyse werden erste Begründungen vorbereitet. In der Nähe von Straßenfesten z.B. eignen sich „Betrunkene auf den Gleisanlagen“ als erste Begründung. Allerdings nur dann, wenn die Fahrgäste auf dem Bahnsteig nicht auch betrunken von eben diesem Fest kommen, denn dies könnte einzelne Individuen auf falsche Gedanken bringen. Hier eignet sich „wegen eines Polizeieinsatzes“ besser, da diese Begründung die Nähe der Ordnungshüter suggeriert.

Sie haben vielleicht schon bemerkt, wie gefährlich eine falsche Begründung werden kann. Für die Stoßzeiten im Berufsverkehr werde ich deshalb auch durch ein Team von Psychologen unterstützt, welches mit professionellem Fingerspitzengefühl die Wut der Fahrgäste von der Bahn abzuleiten versteht. „Wir bitten den Ausfall zu entschuldigen, es hat sich mal wieder so ein Hartz IV-er auf die Gleise gelegt“ Was denken Sie, wie schnell man die arbeitende Bevölkerung durch solch ein gemeinsames Feindbild zu einem angemessenen Miteinander bewegen kann?

Denn auch darum geht es: Den gesellschaftlichen Frieden erhalten. Wie schnell kann die Stimmung in einem überfüllten Zug, der bei 30° C ohne Klimaanlage für 10 min auf offener Strecke stehenbleibt, bei der falschen Begründung kippen!

Teil meiner Aufgabe ist es ja auch, die Fahrgäste an die Normalität solcher Zustände zu gewöhnen. Denn man darf es nie vergessen, was in großen Lettern an meiner Bürowand geschrieben steht: „Nur ein voller Zug ist ein rentabler Zug!“

 

Viele Zugausfälle sind deshalb ja auch gut geplant und von der Abteilung „Effizienzsteigerung“ durchorganisiert. In wöchentlichen Meetings werde ich informiert und kann so für größere Vorhaben Pläne erstellen. Mein bisher größter Coup war der „terroristische Anschlag einer linken Gruppe“. An diesem Tag konnte die Abteilung Effizienzsteigerung den kompletten S-Bahn Verkehr für einen halben Tag stilllegen und auf diese Weise Kosten in Millionenhöhe einsparen.

Am Ende kommt das ja auch den Fahrgästen zugute!


Mein Alltag besteht allerdings aus weniger komplexen Maßnahmen. Es ist auch wichtig, nicht bei allen Ausfällen die Schuld auf andere zu schieben. Auch ein Weichendefekt oder eine einfache Verzögerung im Betriebsablauf muss ab und zu dabei sein. Technik kann Fehler haben! Und genau diese Fehler erlauben es uns, die Erhöhung der Fahrpreise durch nötige Investitionen in die Infrastruktur zu begründen.
Leider zieht ja die Nummer mit dem Osten nicht mehr. Nach bald 30 Jahren kann man dem Sozialismus nun beim besten Willen nicht mehr die Schuld für defekte Züge geben.

Nein, meine Arbeit ist schwieriger geworden.

Heute müssen es schon Eisendiebe aus Bulgarien, Komasäufersprayer, Wandalen und Schwarzfahrer oder schlechte asiatische Bauteile, plötzliche Schneefälle, plötzliche Hitze, Regen, Hagel, Sonne sein, die unsere Züge immer wieder vollkommen unerwartet ausfallen lassen.

Bitte lassen Sie sich nicht auf Handgreiflichkeiten ein, sollte Ihnen während meiner Abwesenheit keine passende Begründung geliefert werden. Denken sie immer daran: Mit jedem Zugausfall spart Ihre Bahn ordentlich Geld und bleibt dadurch konkurrenzfähig!

 

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