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2010-07-22 18:07 (Kommentare: 0)

Offener Brief an die Lobbyisten

Geehrte Interessenvertreter,

ich möchte mich auf diesem Wege für die wichtige Arbeit bedanken, die Sie in den vergangenen fünfzig Jahren für unsere Republik geleistet haben. Ganz ohne Frage haben Sie in der Vergangenheit mit Ihrer beratenden Tätigkeit oftmals durch Ihre Fachkenntnis zu guten Entscheidungen der jeweiligen Regierungen beigetragen. Sie haben in öffentlichen Diskussionen Ihren Beitrag geleistet, die Positionen Ihrer Organisationen darzustellen und zu verteidigen.
Ich muss allerdings feststellen, dass in den letzten Jahren die Grundlagen für eine ausgewogene Diskussion verlorengegangen sind. Es ist Ihnen durch beherzten Einsatz für Ihre Organisationen gelungen, die Interessenvertreter breiter Schichten des Volkes schrittweise zu entmachten und dadurch an Einfluss weiter zu gewinnen.

Herzlichen Glückwunsch, Sie haben gewonnen.

Mit Schlagwörtern wie „Arbeitsplätze“, „systemrelevant“ oder „Wettbewerbsfähigkeit“ haben Sie Argumente gefunden, die in der heutigen Öffentlichkeit über jeden Widerspruch erhaben sind. Die Verbände und Unternehmen für die Sie arbeiten, scheinen unzerstörbar wie Felsen in der Brandung. Und in ihrem Drang, den Status Quo zu festigen, blockieren sie den Fortschritt, unterminieren sie die Bildung und verhindern gute Ideen.
Ihr Handeln ist nicht nachhaltig.
Ein Auto, das ständig am Limit gefahren und dem der Unterhalt versagt wird, wird schließlich am Straßenrand liegen bleiben, wenn nicht sogar der Motor explodiert.
Sie haben das große Ganze aus den Augen verloren und Glück mit Wohlstand gleichgesetzt. Aber auch wenn ich diese Gleichsetzung für falsch halte, Sie werden Ihr „Glück“ nicht mehr lange genießen können, wenn Sie sich weiterhin lediglich mit der Prozessoptimierung beschäftigen ohne die Auswirkungen auf die Gesellschaft als Ganzes zu betrachten.
In den Schwellenländern können wir heute schon beobachten, wozu eine so einseitige Denk- und Handlungsstruktur führt.

Werden Sie glücklich sein, wenn Sie von Maschinengewehr tragenden Privatsoldaten geschützt durch Stacheldrahtkorridore zwischen Ministerien, Bundestag und Villenviertel pendeln? Werden Sie die Aussicht von Ihrer Terasse genießen können, wenn Sie durch Panzerglas auf verslumte Städte blicken?

Sicherlich ist es in unserem Land bis dahin noch ein weiter Weg, aber die Richtung ist deutlich genug sichtbar.

Sie haben durch Ihre effiziente Arbeit ein Klima der Konkurrenz geschaffen, ein Klima, in dem sich der lauter Schreiende und der Rücksichtslosere durchsetzen. Und Sie haben es mit einer Regierung zu tun, die dem nichts entgegenzusetzen bereit ist. Aber egal wie laut Sie schreien, wie rücksichtslos Sie handeln werden, die Endlichkeit sowohl der materiellen, wie auch der menschlichen Recourssen ist deutlich sichtbar.

Es ist an der Zeit, eine Utopie zu entwickeln, in der der Mensch im Mittelpunkt steht, nicht als Kostenfaktor, sondern als bewußtes Wesen, als Individuum, wie als Gemeinschaft.
Sie haben sich in der Vergangenheit Machtoptionen gesichert, die jetzt Ihre Verantwortung einfordern. Nehmen Sie diese Verantwortung an, im Sinne einer funktionierenden Gesellschaft und damit im Sinne Ihrer Organisationen!
Mit freundlichen Grüßen

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