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2011-01-05 14:43 (Kommentare: 1)

S-Bahn Geschichten

Auch wenn auf meinem Auto kein entsprechender Aufkleber meine Einstellung in die Welt hinausposaunt, bin ich doch einer derjenigen, deren Auto steht, so oft es geht. Außerdem liegt ja hier und dort noch immer ein wenig Schnee und diese Methode ist die beste, um Unfälle zu vermeiden. Als stolzer Besitzer einer BVG-Jahreskarte habe ich mich deshalb mit den Öffentlichen zu meinem Termin in Spandau begeben.

Ich habe mir also ein Buch aus dem Regal genommen, Winterjacke, Schal und Mütze angezogen und mich frohgemut auf den Weg gemacht, wohl wissend, dass auch die Berliner S-Bahn das oben zitierte Motto sehr ernst nimmt.

Da aber die Bahnen schon so lange im Notfahrplan unterwegs sind und die Nachrichten noch nicht von einem Totalzusammenbruch berichtet haben, vertraute ich auf die langjährige Erfahrung der Krisenmanager und die zusätzlichen Angebote der BVG, die das Desaster der Bahn schon so lange mildern helfen.

Bis Westkreuz ging alles wie gewohnt.

Ich war ja nicht im Berufsverkehr unterwegs, musste also zum Einsteigen nicht diese zähe Masse Mensch in den Wagen zurückschieben, um mir und meiner Tasche einen spärlichen Platz auf der richtigen Seite der Schiebetür zu sichern. Ich musste mir nicht gefühlte Ewigkeiten lang den selten erquicklichen Atem wildfremder Leute in mein Gesicht blasen lassen. Ich musste mich sogar festhalten, weil nicht genügend Mitreisende im Wagen waren, die meinen Sturz abgefangen hätten.

Im einhändigen Lesen bin ich trainiert, also habe ich mein Buch herausgeholt und bin in eine seltsam andere Welt eingetaucht. Bei guten Büchern kann ich meine Umwelt völlig ausschließen. Eine Fahrt in der Bahn vergeht dann im Fluge und nicht selten habe ich mich schon geärgert, dass ich so schnell am Ziel war oder Umsteigen musste.

Inzwischen habe ich gelernt, an besonders spannenden Stellen im Gehen weiterzulesen. Irgendwie finde ich dann mein jeweiliges Ziel, ohne dafür aus dem Buch aufzutauchen. Ja, ich schaue auf, lese Wegweiser, weiche anderen Reisenden aus, aber all diese Handlungen und Wahrnehmungen dringen nicht zu mir durch. Man müsste sie mir dafür schon in mein Buch schreiben.

Diesmal war es ein wirklich gutes Buch! Ein Vonnegut. Am Bahnhof Westkreuz endeten gerade die „zehn Jahre auf Autopilot“ nach dem „Zeitbeben“, welches ich zusammen mit der Romanfigur Kilgore Trout erleben durfte, und ich war gefangen in dieser Szene. Flugzeuge stürzten ab, Feuerwehrautos fuhren gegen Hydranten, als der freie Wille wieder so richtig reinhaute. Den anderen Umsteigenden folgend und nur in Notfällen vom Buch aufblickend, bemerkte ich gar nicht, dass ich nicht den gewohnten Weg nahm, nicht die Treppe hinunter sondern eine andere hinauf stieg, um dort meine Reise fortzusetzen.

Erst als sich die Szenerie in meinem Buch etwas beruhigt hatte, fiel mir auf, dass ich umgestiegen war. Am Buch vorbei sah ich ungewohnte Farben und ungewohnte Materialien. Schwarz, Leder, Silber, Walnussholz. Meine Füße waren angenehm warm und mein Arm ruhte auf einer ledernen Armlehne, klassische Musik war zu hören. Ich konnte immer noch nicht aufblicken, musste lesen, aber ich beugte mich ein Stück vor, um mit einer Hand die individuelle Belüftung an der schwarzen Lederwand vor mir nachzuregeln. Dann las ich weiter.

Erst als die Tür links neben mir von einem freundlichen Mann in edler Kleidung mit einem sanften Klicken und den Worten: „Endstation Spandau“ geöffnet wurde, begriff ich, dass ich in einem Auto saß. Eine schwarze Nobelkarosse hatte mich nach Spandau gebracht, ein Chauffeur hatte sie gelenkt.

 

Ich schaute auf mein Buch. Ich sah zurück zur Limousine. Ich blickte dann fragend den Fahrer an.

Ich war wirklich nicht mehr sicher. War ich verrückt geworden? Hatte ich unterwegs vergessen, dass ich ein reicher Unternehmer bin? Hatte mich die Romanfigur Kilgore Trout angesteckt oder gar in die Handlung des Buches hineingesogen? Welche Drogen habe ich in meiner Jugend konsumiert? Welche davon verursachen Flashbacks?

Erst die Erklärung des Chauffeurs hat mich dann beruhigt: Die Topmanager der Bahn haben in einer Krisensitzung aufgrund kollektiven schlechten Gewissens, ehrlichen Schamgefühls und natürlich um der Schweinegrippe Einhalt zu gebieten, bis auf weiteres und unverzüglich den gesamten Fuhrpark des gehobenen und obersten Managements nebst Fahrer als Ersatzverkehr zur Verfügung gestellt.

Er zwinkerte mir zu: „Die Herren fahren jetzt mit der Bahn.“

Ich nickte lächelnd und hatte nur noch eine Frage: „Wissen Sie, wo ich Herrn Trout finde?“

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Kommentar von s-Bahn Fahrer | 2011-01-14

haha, eine sehr gute Idee! Leider ist es nur eine Geschichte. Wir S-Bahn Fahrer sollten das einfordern gehen.
Macht weiter so!

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